„Und das soll Kunst sein?“

Provokation und die Angst vor der Nichtigkeit 

1987 erstellte der amerikanische Fotokünstler Andres Serrano sein Werk „Piss Christ“. Dabei handelt es sich um eine Fotografie eines Plastikkruzifixes, welches er in ein Glas, gefüllt mit seinem eigenen Urin, plazierte. 2011 wurde das Werk während einer Austelllung in Avignon von einem Katholiken mit einem Hammer zerstört. Es wird weiterhin ausgestellt – und erlangt neue Aufmerksamkeit.

Der Laie schreit „Blasphemie!“, der Kenner schätzt das Werk als wichtigen Gegenstand der zeitgenössischen Kunst und versteckt sich hinter dem Begriff der künstlerischen Freiheit. Doch darf Kunst alles? Oftmal erscheint das provokante beziehungsweise das provokative (ein Subjekt benötigt immer ein Objekt zum Provozieren) Wesen eines Werkes als Ausmaß des Nicht-Originellen. Die Angst lediglich mimetisch, sprich nachahmend oder sogar kopierend zu arbeiten ist groß und setzt die Künstler enorm unter Druck. Der Anspruch dem traditionellen Kunstbegriff gerecht zu werden weicht der eigenen Anforderung zu polarisieren. Der Zwiespalt zwischen dem Laien, der sich ohne kunstvermittelnde Instanz fragt: „Und das soll Kunst sein?“ und dem Insider, der jeglicher Modernität in der Kunst vorwirfst lediglich „trend-kunst“ zu sein, ist groß.

Wolfgang Ullrich vergleicht die Frage des Laien, ob etwas Kunst sei, mit der Frage, ob etwas denn Fußball oder Wein sei und sagt, letztere Fragen würden nicht gestellt werden. Jedoch ist Kunst ein abstrakter Begriff, etwas was nicht so kategorisierbar ist, wie eine Ballsportart oder das Gebiet Rheinhessen. Dennoch versuchen zeitgenössische Künstler sich in einer Kategorie wiederzufinden, oder diese eben bewusst zu brechen. Provokation scheint beinahe zu einer Kunstgattung zu werden: Postimpressionistisch, politisch, provokativ.

Zurück zum Piss Christ. Serrano beteuert: „Ich wollte nie provozieren“ und verstrickt sich bei seiner Argumentation in Widersprüchen. Die Verwendung von Urin sei symbolisch, da es zu den Körperflüssigkeiten des Menschen gehört. Der Name beschreibe jedoch letztenendes nur, was darstellt wird: ein in Urin getränkter Christus. Er legitimiert die vermeintliche Provokation mit der Aufwertung des Menschen durch die Verwenung dessen Körperflüssgkeit und der nüchternen Beschreibung der Komposotion im Titel. Dies finde ich schwierig. Etliche Titel von Kunstwerken, gerade mit figürlichen Inhalten benennen wirlich nur das, was zu sehen ist. „Frau mit Pfingstrose“ von Jawlenksy, „Fahrradrad“ von Duchamp, oder Munchs „Vier Mädchen auf der Brücke“. Nüchtern, oberflächlich und flüchtig. Warum konnte sich Serrano dann nicht mit „crucifix in a tank full of urine“ zufrieden geben? Er verwendet die symbolische Bedeutung des Krufifixes, das Gedenken an Christus in Verbindung mit einem sehr abwertenden und umgangssprachlichen Begriff für „urine“ – „Piss.“

Zwar gilt Urin im medizinischen Bereich als besonders rein und heilend, jedoch assoiiziert jeder Mensch etwas schmutziges und unangenehm riechendes damit. Interessant wird es, wenn man erwähnt, dass es der Urin des Künstler selber ist. Ob er sich dafür über den Behälter stellte und lospinkelte oder seine Körperflüssigkeit, einem Chemiker ähnlich im Nachnein in den Behälter goss, ist mir nicht bekannt. Doch er stellt sich in jeden Fall über das Kruzifix, über den Glauben und über das Göttliche. Nicht nur das Menschliche, sondern das assoziiert Dreckige steht über Christus.

Als ungläubiger Mensch, kann ich verstehen, dass sich ein Katholik 2011 provoziert fühlte und das Objet beschädigte.

Und dies ist für Serrano keine Reaktion auf eine provokative Kunst? Das weitere Ausstellen des Werkes mit dem gesprungenen Glas wird als Trotz dem Vandalismus gegenüber gesehen, doch die Zerstöung wird somit zum Teil des Werkes und Teil der Provokation. Er stellt die Reaktion auf seine Provantion selbst aus. Er brüstet sich damit, ist stolz auf seine Reichweite. Denn, das wissen wir ja bereits, nur ein Künstler, der die Menschen bewegt, ist ein guter Künstler. Stolz berichtet Serrano, dass das Interesse an seinem Werk durch die Zerstörung gestiegen ist, zeigt, dass „Piss Christ“ direkt bei Google angezeigt wird und vergleicht sich sogar mit Caravaggio. Die Kirche habe seine Werke schließlich auch abgelehnt, doch er sei sich sicher, irgendwann vom Vatikan beauftragt zu werden.

Ein weiteres Werk von ihm schmückt das Cover des Albums „load“ der Band Metallica. Zusehen ist eine Misschung aus Blut und Sperma. Das Blut eines Ochsen und – oh Wunder – die Samen des Künstlers. Warum hat er nicht Rindersperma verwendet? Es scheint, als wolle er seinen Werken ein Teil seiner selbst verleihen. Sich in diesem Fall mit der Wildheit eines Rindes vergleichen.

Die Debatte um provozierende Kunst ist so umfangreich, dass es schwerfällt dies anhand eines Werkes zu demonstrieren. Doch ich möchte einen Anstoß dazu geben, dass sich die Rezipienten, egal ob Laie oder Kenner, die Frage stellen, was hinter der Fassade aus Provokation steckt. Steht der Künstler wirklich dahinter, oder passt es ihm gerade in den Kram? Will er was verändern, oder nur abschrecken? Wird er somit Teil der zukünftigen Kunstgeschichte oder verweilt er mit seiner Aufmerksamkeit lediglich im Moment der Entrüstung.